Coro­na­vi­rus, Kli­ma­wan­del, Leis­tungs­druck in der Schu­le – Kin­der und Jugend­li­che machen sich vie­le Sor­gen. Doch glück­li­che und unbe­schwer­te Momen­te sind wich­tig, um die Kri­sen des Lebens bewäl­ti­gen zu kön­nen. Jan­na Tram­bacz und Julia Strauß haben des­halb eine Glücks­werk­statt für Kin­der und Jugend­li­che im Bera­tungs­zen­trum der Dia­ko­nie in Len­ge­rich gegrün­det.

Mit einem brei­ten Grin­sen zieht Ben­ja­min einen Kaukno­chen aus sei­nem gel­ben Turn­beu­tel. “Der ist für mei­nen Hund. Ich füt­te­re ihn ger­ne und spie­le immer mit ihm. Wir haben fünf Haus­tie­re zu Hau­se”, berich­tet der 11-Jäh­ri­ge stolz. “Und, was hast Du noch in dei­nem Glücks­beu­tel?”, fra­gen die ande­ren ihn neu­gie­rig. Ben­ja­min kramt in sei­nem Beu­tel und fischt schließ­lich ein Kino­ti­cket her­aus. “Das ist von Juman­ji, wir waren am Sonn­tag näm­lich im Kino. Ein rich­tig coo­ler Film!” Alle stau­nen und Ben­ja­min strahlt bis über bei­de Ohren, weil die ande­ren ihm so gebannt zuge­hört haben. Aber jetzt ist der nächs­te dran. Micha­el hat Hus­ten­bon­bons und sei­ne Kopf­hö­rer dabei: “Weil ich in der letz­ten Woche ein biss­chen krank war und des­halb viel Musik gehört habe.”

Das Ritu­al mit dem gel­ben Glücks­beu­tel wie­der­ho­len Micha­el und Ben­ja­min jede Woche. Zusam­men mit vier ande­ren Kin­dern und Jugend­li­chen machen die bei­den näm­lich bei der Glücks­werk­statt im Bera­tungs­zen­trum der Dia­ko­nie in Len­ge­rich mit. Und der Name “#glücks­werk­statt” ist hier Pro­gramm. “Wir wol­len in der Grup­pe gemein­sam her­aus­fin­den, was uns glück­lich macht und wie wir unser Glück selbst gestal­ten kön­nen”, erklärt Grup­pen­lei­te­rin Julia Strauß.

Auf Posi­ti­ves fokus­sie­ren
Zum Ein­stieg in die Tref­fen nut­zen sie und ihre Kol­le­gin Jan­na Tram­bacz ger­ne den gel­ben Glücks­beu­tel. “Das ist qua­si eine posi­ti­ve-Gedan­ken-Samm­lung. Die Kin­der sol­len sich über­le­gen, was ihnen im All­tag Spaß berei­tet hat – was sie glück­lich gemacht hat”, erläu­tert die Sozi­al­päd­ago­gin. “Gegen­stän­de, die sym­bo­lisch dafür ste­hen, sol­len sie dann in ihren Turn­beu­tel legen. Und am Ende der Woche kommt da ganz schön was zusam­men”, fügt sie lächelnd hin­zu.

Die Idee zur Glücks­werk­statt kam den bei­den, als sie hör­ten, dass es “Glück” an eini­gen Schu­len in Deutsch­land sogar schon als Unter­richts­fach gibt. Kann man denn Glück ler­nen? “Ein Stück weit ja”, fin­det Jan­na Tram­bacz. “Wir haben in unse­rer Gesell­schaft eine star­ke Defi­zit-Ori­en­tie­rung. Dem soll­ten wir begeg­nen, indem wir uns mehr auf Posi­ti­ves fokus­sie­ren.” Auch in der Schu­le sei der Druck bereits hoch — durch sozia­le Medi­en, Leis­tungs­druck und kul­tu­rel­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen. “Es ist heu­te ein­fach nicht leicht, ein Teen­ager zu sein”, sind sich die bei­den Grup­pen­lei­te­rin­nen einig.

Von ande­ren ler­nen
Des­halb haben sie die Glücks­werk­statt ins Leben geru­fen. Ein­mal wöchent­lich tref­fen sie sich mit den Kin­dern und Jugend­li­chen für andert­halb Stun­den und beschäf­ti­gen sich mit Glück. Die Zusam­men­set­zung der Grup­pe ist gemischt, alle Schul­for­men sind dabei. Die Teil­neh­mer sind zwi­schen elf und 14 Jah­re alt. “In der Grup­pe unter­stüt­zen wir die Kin­der und Jugend­li­chen indi­vi­du­ell und in einem geschütz­ten Rah­men”, sagt Julia Strauß. Gemein­sam ler­nen sie zum Bei­spiel mit guten und weni­ger guten Gefüh­len umzu­ge­hen. Oder wie man fair strei­tet und muti­ger wird. “In einer ver­trau­ens­vol­len Atmo­sphä­re erfah­ren die Kids Auf­merk­sam­keit und Ver­ständ­nis. Und vor allem ler­nen sie von ande­ren, denen es ähn­lich geht”, ergänzt Jan­na Tram­bacz.

Bedürf­nis nach Gemein­schaft
Das Ange­bot wird gut ange­nom­men. “Weil der Bedarf da ist”, sind sich die bei­den Lei­te­rin­nen sicher. Dabei kämen die Jugend­li­chen auch nicht nur aus Len­ge­rich, son­dern aus dem gesam­ten Ein­zugs­ge­biet der Bera­tungs­stel­le. Also aus Lad­ber­gen, Lie­nen, Lot­te, Wes­ter­kap­peln und Teck­len­burg. “Man merkt, dass sich die Jugend­li­chen ger­ne unter­ein­an­der aus­tau­schen. Da ist bei allen Teil­neh­mern ein gro­ßes Bedürf­nis nach Gemein­schaft.”

Das sei aber nicht von Anfang an so gewe­sen, erin­nert sich Julia Strauß. “In der ers­ten Stun­de waren alle noch skep­tisch und mein­ten, sie hät­ten etwas Bes­se­res zu tun.” Die typi­sche Null-Bock-Men­ta­li­tät. “Wir sind dann spie­le­risch ein­ge­stie­gen und haben uns erst­mal ken­nen­ge­lernt und ers­te Hem­mun­gen abge­baut.” Bei einer Übung zur Selbst­wert­stär­kung sei­en dann alle auf­ge­taut. “Jeder soll­te sei­ne eige­nen Stär­ken und posi­ti­ven Eigen­schaf­ten auf Post-Its schrei­ben und sich die Zet­tel aufs Bein kle­ben.” Begrif­fe wie “Humor”, “guter Freund” und “Fuß­ball spie­len” konn­te man dann zum Bei­spiel auf der Jeans lesen.

Glück kon­tra Stress
Schnell wur­de Julia Strauß und Jan­na Tram­bacz klar, dass Glück ein gro­ßes The­men­feld mit sich bringt. “Wir haben gemerkt, dass wir nur Akzen­te set­zen kön­nen und haben dann geschaut, was die Grup­pe braucht.” So hät­ten eini­ge der Jugend­li­chen Schwie­rig­kei­ten beim Ler­nen – ent­we­der, weil sie unter- oder weil sie über­for­dert sind. Man­che hät­ten ande­re sozia­le Pro­ble­me oder Kon­flik­te mit Mit­schü­lern. “Sie emp­fin­den Stress.”

Julia Strauß möch­te den Jugend­li­chen klar­ma­chen, dass Glück beein­fluss­bar und eine Hal­tung ist. “Nicht umsonst heißt es, jeder ist sei­nes Glü­ckes Schmied”, bringt es Jan­na Tram­bacz auf den Punkt. Glück wird also sehr sub­jek­tiv emp­fun­den. Für Ben­ja­min sind es zum Bei­spiel sei­ne Haus­tie­re und für Micha­el ist es das Musik­hö­ren. Und für die ande­ren Jugend­li­chen? Da muss Karl nicht lan­ge über­le­gen. “Na, zum Bespiel rich­tig vie­le Punk­te bei Fort­ni­te zu bekom­men.” Gut, dass auch sei­ne Nin­ten­do Switch in den gel­ben Glücks­beu­tel passt.

Die #glücks­werk­statt ist ein Ange­bot der Bera­tungs­stel­le für Eltern, Kin­der und Jugend­li­che des Dia­ko­ni­schen Werks im Evan­ge­li­schen Kir­chen­kreis Teck­len­burg in Len­ge­rich. Auf­grund der Coro­na­kri­se muss die #glücks­werk­statt momen­tan lei­der zwangs­pau­sie­ren. Das Ange­bot soll aber auf jeden Fall in Zukunft fort­ge­setzt wer­den. Ger­ne möch­te Julia Strauß auch eine Grup­pe für jün­ge­re Kin­der ins Leben rufen. Infos und Kon­takt: Tele­fo­nisch unter 05481 3054240, per Mail an erziehungsberatung@dw-te.de oder auf www.dw-te.de.