Es braucht Mut, sich Hil­fe zu holen.

Jede drit­te Frau in Deutsch­land ist min­des­tens ein­mal in ihrem Leben von phy­si­scher oder sexua­li­sier­ter Gewalt betrof­fen. Jedoch wer­den nur etwa 15% der Sexu­al­straf­ta­ten über­haupt ange­zeigt, die Ver­ur­tei­lungs­quo­te der ange­zeig­ten Straf­ta­ten liegt bei gera­de ein­mal 7,5%. Eine Kli­en­tin der Fach­be­ra­tungs­stel­le gegen sexua­li­sier­te Gewalt des Dia­ko­ni­schen Werks Teck­len­burg berich­tet von ihrer Erfah­rung mit K.O.-Tropfen und möch­te vor allem jun­ge Frau­en ermu­ti­gen, sich Hil­fe zu suchen, falls auch sie Opfer von K.O.-Tropfen und sexua­li­sier­ter Gewalt gewor­den sind.

Anna* stu­diert in einer deut­schen Groß­stadt und lebt dort zusam­men mit ande­ren Stu­die­ren­den in einem Wohn­heim. Auf einer WG Par­ty bekommt sie K.O.-Tropfen ver­ab­reicht – als sie am nächs­ten Tag in ihrem Bett auf­wacht, fühlt sie sich schwin­de­lig, ihr gan­zer Kör­per schmerzt und sie hat kei­ne Erin­ne­rung mehr an den Abend zuvor. Sie ist ver­wirrt, sie fragt sich, was in der letz­ten Nacht pas­siert ist, wie sie ins Bett gekom­men ist, wie­so ihr Kör­per so schmerzt und vor allem, wie­so ihre Bett­de­cke blu­tig ist. Neben ihr liegt ihr Mit­be­woh­ner Felix*. „Er rede­te auf mich ein, dass alles in Ord­nung sei, dass ich mich beru­hi­gen sol­le, wir hät­ten doch einen schö­nen Abend gehabt“, erzählt Anna heu­te wütend. Sie schickt ihn weg und schließt sich zunächst in ihr Zim­mer ein. Am nächs­ten Tag ent­schließt sie sich, etwas zu unter­neh­men. Sie hat Angst vor dem, was in der letz­ten Nacht pas­siert ist, aber auch vor mög­li­chen Ver­let­zun­gen und Krank­hei­ten. Nach anfäng­li­chem Zögern begibt sie sich in die Not­auf­nah­me eines gro­ßen Kran­ken­hau­ses, schil­dert dort ihre Situa­ti­on und bit­tet um eine Unter­su­chung. Anna hat über­all blaue Fle­cken, auf ihren Armen, Bei­nen, sogar im Gesicht. Sie wird unter­sucht, ver­arz­tet, zudem muss ihr ein Kon­dom aus dem Kör­per ent­fernt wer­den. Wäh­rend der Unter­su­chung drängt die Ärz­tin sie dazu, direkt eine Anzei­ge zu erstel­len. „Mir wur­de im Kran­ken­haus mehr­fach gesagt, dass ich jetzt unbe­dingt eine Anzei­ge erstat­ten soll, spä­ter sei die­se nutz­los“, berich­tet Anna. Nach der Unter­su­chung ver­lässt sie das Kran­ken­haus und ruft in ihrer Not und Ver­zweif­lung ihre Mut­ter an, wel­che ihr sofort zur Hil­fe kommt und sie nach Hau­se holt. Was ihr zuge­sto­ßen ist, ver­rät Anna ihr zunächst nicht.

Über einen Bekann­ten erfährt Annas Mut­ter von der Fach­be­ra­tungs­stel­le gegen sexua­li­sier­te Gewalt in Rhei­ne. Nach eini­ger Zeit kann sie ihre Toch­ter über­zeu­gen, Kon­takt zur Bera­tungs­stel­le auf­zu­neh­men. Von da an beginnt die Beglei­tung und Betreu­ung durch eine Mit­ar­bei­te­rin der Bera­tungs­stel­le. End­lich kann sich Anna einer Per­son gegen­über öff­nen, ihre Geschich­te offen erzäh­len und begin­nen, ihre Erleb­nis­se der Nacht, an die sie kei­ne Erin­ne­rung mehr hat, zu ver­ar­bei­ten. „Es braucht Mut, sich Hil­fe zu holen und sich jeman­dem anzu­ver­trau­en. Durch Infor­ma­tio­nen und psy­chi­sche Sta­bi­li­sie­rung erlan­gen Frau­en wie­der die Kon­trol­le über das, was mit ihnen geschieht und somit auch wie­der Kon­trol­le über ihr eige­nes Leben“, berich­tet Ria Mes­ter über die Arbeit der Beratungsstelle.

Nach einer Gewalt- oder Sexu­al­straf­tat stellt sich immer die Fra­ge nach einer Anzei­gen­er­stat­tung. „Die­se ist jedoch häu­fig mit Angst ver­bun­den, oft­mals sind Betrof­fe­ne auf Grund von trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen nicht direkt in der Lage, eine Ent­schei­dung tref­fen zu kön­nen“, erläu­tert Ria Mes­ter von der Fach­be­ra­tungs­stel­le. So war es auch bei Anna. Nach eini­gen Mona­ten Bera­tungs­ar­beit ent­schließt sie sich letzt­end­lich doch, eine Anzei­ge zu erstat­ten. Die­se bleibt jedoch lei­der erfolg­los. Anna lässt sich trotz des­sen nicht unter­krie­gen. Obwohl die Anzei­ge gegen ihren Pei­ni­ger fal­len gelas­sen wur­de, blickt sie mitt­ler­wei­le wie­der posi­tiv in die Zukunft, hat ihr Stu­di­um in einer ande­ren Stadt sogar wie­der­auf­ge­nom­men. „Die Mit­ar­bei­te­rin der Fach­be­ra­tungs­stel­le hat mir einen Weg auf­ge­zeigt, mit mei­nen Erin­ne­run­gen umzu­ge­hen. Sie hat mir ver­mit­telt, dass trotz des­sen ein gutes Leben für mich mög­lich ist“, erzählt Anna. Dabei ist es ihr ein gro­ßes Anlie­gen, betrof­fe­nen Frau­en und Mäd­chen Mut zu machen, sich Hil­fe zu suchen und wenn sie bereit sind, eine Anzei­ge zu erstat­ten. „Es ist wich­tig, den Tätern zu zei­gen, dass ihr Han­deln eine Straf­tat ist und sie die Kon­se­quen­zen für ihre Taten tra­gen müssen.“

Die Fach­be­ra­tungs­stel­le gegen sexua­li­sier­te Gewalt in Rhei­ne unter­stützt und berät Frau­en aus dem gesam­ten Kreis Stein­furt, die Opfer von sexua­li­sier­ter Gewalt gewor­den sind. Die Bera­tung ist kos­ten­los und auf Wunsch anonym. Kon­takt: Müns­ter­stra­ße 48, 48431 Rhei­ne, Tele­fon: 05971 / 800 9292, Email: fachberatung-gewalt@dw-te.de

 

*Namen auf Wunsch geändert


Zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen zu K.O.-Tropfen:
Als K.O.-Tropfen wer­den nar­ko­ti­sie­rend wir­ken­de Stof­fe bezeich­net, die im Rah­men von Straf­ta­ten genutzt wer­den, um die Opfer zu betäu­ben und damit in einen wil­len- und hilf­lo­sen Zustand zu ver­set­zen. In den meis­ten Fäl­len wer­den K.O.-Tropfen gegen Frau­en ein­ge­setzt, um sie anschlie­ßend sexu­ell zu miss­brau­chen oder zu ver­ge­wal­ti­gen. In eini­gen Fäl­len wer­den Mäd­chen und Frau­en zudem mit Han­dys oder Kame­ras nackt und im eupho­ri­sier­ten Zustand gefilmt, um die Bil­der anschlie­ßend im Freun­des­kreis zu ver­schi­cken oder sie ins Inter­net zu stel­len. K.O.-Tropfen sind in der Regel flüs­sig und farb­los, haben einen leicht sal­zi­gen und sei­fi­gen Geschmack, der aber durch die Bei­ga­be in Geträn­ke leicht zu über­de­cken ist. Die Wir­kung der Trop­fen setzt nach etwa 15 Minu­ten ein und kann bis zu 4 Stun­den anhal­ten. Der Nach­weis von K.O.-Tropfen im Kör­per ist äußerst schwie­rig, da die in den Trop­fen ent­hal­te­nen Sub­stan­zen nur 6 Stun­den im Blut und ledig­lich 12 Stun­den im Urin nach­weis­bar sind. Zudem erfor­dert der Nach­weis eine spe­zi­el­le Asser­vie­rung der Blut- oder Urinproben.